Bis 2030 fehlen bundesweit mindestens 81.000 Lehrkräfte

VBE Bundesverband veröffentlicht wissenschaftliche Untersuchung zu Lehrkräftebedarf und -angebot

In Deutschland existiert ein massiver Lehrkräftemangel. Im Land Brandenburg müssen in den nächsten 5 Jahren nach Aussagen des MBJS jährlich ca. 1200 Lehrerinnen und Lehrer neu eingestellt werden. Aufgrund des Mangels an ausgebildeten Lehrkräften geht das Ministerium davon aus, dass dabei ein Drittel Seiteneinsteiger notwendig sind. Das sind innerhalb des genannten Zeitraumes ca. 2000 unausgebildete Lehrkräfte an unseren Schulen. Eine vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) bei Prof. i. R. Dr. Klaus Klemm in Auftrag gegebene wissenschaftliche Untersuchung zeigt, wie sich Lehrkräftebedarf und tatsächliches -angebot in Deutschland bis 2030 entwickeln werden.

Der Präsident des Brandenburgischen Pädagogen-Verbandes, Hartmut Stäker kommentiert anlässlich der heutigen Veröffentlichung: „Der Lehrkräftemangel ist das derzeit größte Problem im Schulbereich, auch in Brandenburg, und stellt eine massive Bedrohung für Bildungsqualität, -gerechtigkeit und die Zukunft unseres Landes dar. Die größten Herausforderungen, mit denen Schule aktuell konfrontiert ist und künftig konfrontiert sein wird, – Corona-Pandemie, Integration, Inklusion, Digitalisierung, Ganztagsbeschulung, – werden ohne Bereitstellung der erforderlichen personellen Ressourcen nicht zu lösen sein. Realität ist auch in unserem Bundesland: Lehrkräfte arbeiten schon seit langem und nochmals verstärkt durch die Pandemie an oder oberhalb ihrer Belastungsgrenze. Die notwendige individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern ist unter den gegebenen Rahmenbedingungen in der Regel nicht mehr leistbar.“ H. Stäker weiter, „Lehrkräftebedarf und -angebot dürfen von der Politik nicht länger schöngerechnet werden.“

Vor dem Hintergrund der heute vom VBE Bundesverband veröffentlichten Expertise, fordert der Brandenburgische Pädagogen-Verband die Politik auf, „unverzüglich offenzulegen, wie groß die Lücke zwischen Lehrkräftebedarf und Neuangebot an Lehrkräften bis 2030 in unserem Land wirklich ist und welche zusätzlichen personellen Ressourcen für Ganztag, Inklusion und die Unterstützung von Kindern in herausfordernden Lagen benötigt werden“

Stäker abschließend: „Wir erwarten zudem, dass die Landesregierung umgehend eine Strategie darstellt, wie sie die zu erwartende personelle Unterdeckung beseitigen will.“

Zum Pressedienst des VBE Bundesverbandes, der sämtliche Forderungen des Verbandes anlässlich der dramatischen Ergebnisse darlegt, gelangen Sie über diesen Link:
https://www.vbe.de/service/expertise-lehrkraeftebedarf-angebot

Expertise Lehrkräftebedarf und -angebot

Eine wissenschaftliche Untersuchung im Auftrag unseres Bundesverbandes VBE

In Deutschland existiert ein massiver Lehrkräftemangel. Eine vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) bei Prof. i. R. Dr. Klaus Klemm in Auftrag gegebene wissenschaftliche Untersuchung zeigt, wie sich Lehrkräftebedarf und tatsächliches -angebot in Deutschland bis 2030 entwickeln werden. Die Expertise wurde am 25. Januar 2022 veröffentlicht.

  • Expertise „Entwicklung von Lehrkräftebedarf und -angebot in Deutschland bis 2030“ von Prof. i. R. Dr. Klaus Klemm
  • Pressemitteilung des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) anlässlich der Veröffentlichung am 25. Januar 2022
  • Ergebnischarts der Untersuchung von Prof. i. R. Dr. Klaus Klemm anlässlich der Veröffentlichung am 25. Januar 2022
  • Tabellenverzeichnis (Berechnungen) von Prof. i. R. Dr. Klaus Klemm zur Expertise

dbb fordert Investitionen und Innovation: Mehr öffentlichen Dienst wagen!

Berlin, 10.01.2022

dbb Pressedienst| Nr. 04/2022

Ohne Investitionen und Innovation in den öffentlichen Dienst wird Deutschland existenzielle Zukunftsaufgaben nicht bewältigen, warnt der dbb.

„Digitalisierung, Klimaschutz auch durch ökologische Transformation der Wirtschaft, Bildung, sozialer Wandel, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Zuwanderung – ohne einen personell und technisch aufgabengerecht ausgestatteten, leistungsfähigen und motivierten öffentlichen Dienst werden diese Zukunftsaufgaben nicht zu bewältigen sein“, stellte der dbb Bundesvorsitzende Ulrich Silberbach zum Auftakt der dbb Jahrestagung am 10. Januar 2022 in Berlin klar.

Der öffentliche Dienst, personell auf Kante genäht und technisch oft im Vorgestern stecken geblieben, befinde sich seit Jahren „quasi im Dauer-Stresstest“. Die Beschäftigten warteten vergeblich auf spürbare Wertschätzung und die Erkenntnis von Arbeitgebern und Dienstherrn, „dass es allerhöchste Zeit ist, nachhaltig in Personal zu investieren und es mit attraktiven Arbeitsbedingungen auch zum Bleiben zu motivieren“, kritisierte der dbb Chef. Zudem betonte er, dass es nicht an den Beschäftigten liege, wenn der Staat in vielen Belangen nicht mehr so funktioniere, wie die Bürgerinnen und Bürger es zu Recht erwarteten. „Wenn man es aus politischer Saumseligkeit und Begeisterung für schwarze Nullen über Jahre versäumt, die Behörden und Verwaltungen krisenfest aufzustellen, darf man sich im Katastrophenfall nicht verwundert den Schlaf aus den Augen reiben“, sagte Silberbach. Er warnte: „So darf es nicht weitergehen. Ein Staat, dem die Menschen immer weniger vertrauen und der ihnen nicht so dient, wie sie es von ihm erwarten – solch ein Staat hat umgekehrt auch immer weniger von den Menschen zu erwarten. Wenn mit dem öffentlichen Dienst der Kitt unseres Staatsgefüges bröckelt, wenn sich das System langsam aber sicher in seine Einzelteile zerlegt, dann kommen uns der gesellschaftliche Zusammenhalt, die Achtung von Recht und Gesetz, Solidarität und Respekt abhanden.“ Auch bei den Beschäftigten sei die Frustration groß über „Personalmangel, ständig mehr Aufgaben, uralte Technik und ein Wust an Bürokratie, der jede Innovation und Agilität im Keim erstickt.“

Der dbb Chef skizzierte einen klaren Fahrplan für eine nachhaltige Modernisierung des öffentlichen Dienstes und mahnte zur Eile: „Wir müssen jetzt einfach ins Machen kommen“, forderte Silberbach. Neben einer aufgabengerechten Personalausstattung und attraktiven Arbeitsbedingungen gelte es, die Digitalisierung der Verwaltung endlich tatsächlich umzusetzen. „Aktuell fehlen uns im öffentlichen Dienst insgesamt mehr als 330.000 Beschäftigte für die Erledigung der Aufgaben. Damit nicht genug: Fast 1,3 Millionen Kolleginnen und Kollegen sind über 55 Jahre und werden in den kommenden Jahren ausscheiden. 1,3 Millionen. Wie Bund, Länder und Kommunen diesen Verlust an Know-how und Arbeitskraft kompensieren wollen, ist bis heute schleierhaft“, unterstrich Silberbach. Die ohnehin nur schleppend anlaufende Digitalisierung alleine werde das Problem nicht lösen. Ohne Menschen sei auch in Zukunft kein Staat zu machen, und die Politik solle endlich aufhören, „das Personal immer nur als Kostenfaktor mit zwei Ohren zu betrachten. Investitionen in den öffentlichen Dienst sind Investitionen in Stabilität, Konjunktur, Bildung, Sicherheit und Wohlstand.“

Der dbb Chef forderte zudem allgemein mehr Respekt und Wertschätzung für den öffentlichen Dienst. „Die Kolleginnen und Kollegen im Staatsdienst sind nicht Blitzableiter von Amts wegen für eine Politik, die in der Kritik steht. Das müssen die, die politische Verantwortung tragen, immer wieder unmissverständlich klarmachen. Wer Menschen angreift, die unseren Staat und die Werte, für die er steht, repräsentieren und verteidigen, greift uns alle an. Deswegen erwarten wir von Politik und Gesellschaft mehr Schutz, mehr Respekt und mehr Rückhalt“, sagte Silberbach auch an die Adresse der neuen Bundesinnenministerin Nancy Faeser, die persönlich an der dbb Jahrestagung teilnimmt.

Livestream zur dbb Jahrestagung 2022: https://www.dbb.de/veranstaltungen/dbb-jahrestagung/dbb-jahrestagung-2022/livestream.html

Neues Jahr, altes Spiel: KMK verweigert Klartext und Verantwortungsübernahme

Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), kommentiert die Ergebnisse der Sitzung der Kultusministerkonferenz (KMK): „Dass die KMK erneut keine klaren Standards definiert, welche Maßnahmen bei einem bestimmten Infektionsgeschehen zu ergreifen sind, sondern die Verantwortung an die Schulen abschiebt, ist ein Armutszeugnis. Schulleiterinnen und Schulleiter sind keine Virologinnen und Virologen und sollten keine entsprechenden Entscheidungen treffen müssen. Es ist unbestritten, wie wichtig Präsenzunterricht für die kognitive und sozial-emotionale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist und welche Entlastung hierdurch für Eltern gegeben ist. Aber zu einem Unterricht vor Ort gehört auch, dass alle, die mit Schule in Berührung kommen, ausreichend geschützt werden. Dies sicherzustellen, ist in den letzten fast zwei Jahren weitgehend versäumt worden. Jetzt sind wir aufgrund des dynamischen Infektionsgeschehens wieder an einem Punkt, wo uns die bereits vor der Pandemie von der Politik verweigerten angemessenen Investitionen in Personalausstattung, Infrastruktur und digitale Ausstattung auf die Füße fallen können. Anstatt Verantwortung zu übernehmen, flüchtet sich die KMK in Plattitüden und Anregungen, ohne konkrete Vorschläge zu machen. Die Frage, wie belastbare Testoffensiven bei der herrschenden Überlastung in den Schulen, Gesundheitsämtern und Laboren durchgeführt werden können, bleibt offen. Auch wie man dem verstärkten Lehrkräftemangel, der durchzunehmende Quarantäneanordnungen entsteht, Rechnung tragen will, fand leider keine Beantwortung.“

Der VBE fordert vor dem Hintergrund der steigenden Infektionszahlen, schnell und beherzt den wissenschaftlichen Empfehlungen der Expertinnen und Experten zu folgen. „Die Schulen brauchen klare Richtlinien für dem Umgang mit Infektionen. Anhand der Inzidenzen, der Hospitalisierungsrate und der Impfquote aber auch der räumlichen Situation, müssen endlich transparente bundeseinheitliche Regeln her, an denen sich alle Gesundheitsämter orientieren müssen. Ein bestimmtes Infektionsgeschehen muss konkrete, ausgewogene und realisierbare Maßnahmen nach sich ziehen. Der Dienstherr muss Schulleitungen hier vollumfänglich zur Seite stehen. Die Wahrung von Mindestabständen ist in der überwiegenden Zahl der Schulen angesichts von zu kleinen Räumen für zu große Klassen nicht einhaltbar. Dauerlüften bei winterlichen Temperaturen birgt ein zusätzliches Gesundheitsrisiko für Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte . Dass die zurückliegenden Monate nicht konsequent genutzt wurden, um Luftfilteranlagen und Luftreiniger zu installieren, kommt erschwerend hinzu. Schulen „von oben“ zu sicheren Orten zu deklarieren, obwohl man im Sommer nicht die notwendigen Maßnahmen ergriffen hat, macht mich fast sprachlos“, so Beckmann abschließen.

Koalitionsvertrag im Bund: Nun müssen den Worten Taten folgen

Die Vorstellung des Koalitionsvertrages von SPD, Grünen und FDP kommentiert Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), in einer ersten Bewertung wie folgt: „Erfreut stellen wir fest, dass einige unserer Forderungen Einzug in den Vertrag der Ampel-Koalition gefunden haben. Insbesondere die geplante engere, zielgenauere und verbindliche Kooperation aller Ebenen ist ein wichtiger Schritt für mehr Chancengleichheit.“

 

Auch die Verstetigung des Digitalpakts, die Weiterentwicklung der Qualitätsoffensive Lehrerbildung und das Startchancen-Programm böten Möglichkeiten, Bildung nachhaltig zu verbessern und somit mehr Bildungsgerechtigkeit zu schaffen, so Beckmann. Der VBE begrüßt, dass bürokratische Hürden im Digitalpakt und bei der Ausgestaltung des Ganztages abgebaut und ein niedrigschwelliger Zugang zu Fördermitteln ermöglicht werden soll.

 

Die im Koalitionsvertrag beschrieben Ziele werden sich aber nur erreichen lassen, wenn es gelingt, dass dafür notwendige qualifizierte pädagogische Personal zu gewinnen. Wie dies gelingen soll, dazu schweigen die Koalitionäre. Angesichts des bestehenden und weiterhin zu erwartenden Lehrkräftemangels sowie des fehlenden Personals im frühkindlichen Bereich, bleiben deshalb viele Frage offen. Die angekündigte deutliche Steigerung der Ausgaben für Bildung ist unabhängig davon grundsätzlich zu begrüßen.

Ankündigung des MBJS ist Mogelpackung

Die in einer Pressemitteilung des MBJS angekündigte „Unterstützung und Entlastung“ der Schulen im Handeln gegen die Pandemie bleibt weit hinter den Maßnahmen im gleichen Zeitraum des Vorjahres zurück. Und das, obwohl die Schulen verschärfte Hotspots der Inzidenzen sind und als Pandemietreiber gesehen werden.

Der Brandenburgische Pädagogen-Verband (BPV) unterstützt in vollem Umfang die Forderungen des Hauptpersonalrates der Lehrkräfte.

Der BPV erwartet klare und angemessene Aussagen des MBJS zu möglichen Maßnahmen und rechtlichen Rahmenbedingungen. Dabei muss sich der Einsatz der Lehrkräfte auf die Unterrichtsversorgung konzentrieren.

Den Schulen muss dabei die Möglichkeit eingeräumt werden, den Unterrichtsablauf und eine eventuell erforderliche Notbetreuung, entsprechend der pandemischen Situation eigenverantwortlich organisieren zu können.

Die Pressemitteilung stützt ihre angekündigten Maßnahmen auf eine nicht vorhandene flächendeckende digitale Ausstattung der Lehrkräfte und auf eine Personalausstattung an den Schulen, die ebenfalls in dem Umfang nicht zur Verfügung steht.

Darüber hinaus muss sichergestellt werden, dass allen an den Schulen Beschäftigten ausreichend Tests zur Verfügung stehen.

Die in der Mitteilung angekündigten Maßnahmen sind realitätsfremd und gehen deutlich am Bedarf vorbei. Sie dienen in der hochbrisanten Situation in keiner Weise der Gesundheitsfürsorge für Schülerinnen und Lehrkräfte.

Umfrage: Welche Auswirkungen hatte die Pandemie auf das Handschreiben?

Wie gut können Schülerinnen und Schüler von Hand schreiben? Gibt es womöglich Auswirkungen der Coronakrise auf die schreibmotorischen Fertigkeiten der Kinder und Jugendlichen? Und welche Konsequenzen hat die Digitalisierung? Das Schreibmotorik Institut (SMI) hat gemeinsam mit dem Verband Bildung und Erziehung (VBE) eine Umfrage unter Lehrkräften gestartet, die aktuelle Antworten auf diese Fragen liefern soll. Wir würden uns freuen, wenn unsere Mitglieder zahlreich teilnehmen!

Handschrift ist mehr als nur eine überholte Fähigkeit einer vergangenen Zeit. Auch wenn heute vieles digital stattfindet, bleibt das Handschreiben essenziell. Denn das Erlernen der Handschrift
fordert Lernprozesse. Was händisch aufgeschrieben wird, bleibt länger im Kopf. Es aktiviert das Gehirn ganzheitlich. Die vielen Vorteile gilt es daher weiter zu nutzen. Doch wie steht es eigentlich um die handschriftlichen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler?

Wie viele von Ihnen haben derzeit Schwierigkeiten, eine „gut lesbare, flüssige Handschrift“ zu entwickeln, wie sie in den Bildungsstandards vorgegeben ist? Es ist an Ihnen, diese Fragen zu beantworten und Ihre Erfahrungen und Beobachtungen aus dem Schulalltag einzubringen. Bereits zum dritten Mal nach 2015 und 2019 untersucht dies das Schreibmotorik Institut, zum zweiten Mal in Kooperation mit dem VBE. Und Sie können teilnehmen! Berichten Sie uns, wie gut Ihre Schülerinnen und Schüler mit der Hand schreiben können, welche Herausforderungen es
gibt und ob sich seit der Coronapandemie etwas verändert hat.

Auch der Einfluss des Einsatzes digitaler Endgeräte auf den Handschreiberwerb steht im Fokus der STEP 2022 („Studie über die Entwicklung, Probleme und Interventionen zum Thema Handschreiben“). Die Befragung läuft bis Februar 2022. Die Ergebnisse sollen dann im Frühsommer veröffentlicht werden.

Jetzt direkt zur Umfrage

Rechte der Lehrkräfte – Wer kann sich testen lassen?

Geimpfte und genesene Lehrkräfte haben auch weiterhin die Möglichkeit, sich vorsorglich zu testen. Kostenlose Testskits soll es auch weiterhin für Lehrkräfte in den Schulen geben.

Gibt es medizinische Masken für Lehrkräfte?

Das MBJS hat in einem Schreiben vom 17.09.2021 die Schulleitungen nochmals darauf hingewiesen (erfolgte bereits am 03.08.2021), dass allen Lehrkräften, dem sonstigen pädagogischen Personal und den LehramtskandidatInnen aufgrund des Präsenzunterrichtes, täglich 2 medizinische Masken zur Verfügung zu stellen sind. Diese Anordnung gilt erstmal bis zum 23.12.2021.

Die Beschaffung erfolgt dezentral.

Quelle: genanntes Schreiben, MBJS

Radikalisierungsprävention – Wie verhalten sich Lehrkräfte richtig?

 Stellen wir uns vor: Eine Schülerin kommt mit Kopftuch an die Schule. Die Lehrerin ist überrascht, die meisten Mitschüler sind es auch. Wie verhält sich die Lehrerin in diesem Moment richtig?
Auf die meisten Situationen im pädagogischen Alltag gibt es nicht die eine richtige Antwort. Die angemessene Reaktion ist von vielen Faktoren abhängig, beispielsweise der Beziehung zwischen Lehrkraft und Schülerin, ihrem sonstigen Verhalten und ihren Äußerungen im Schulkontext. Auch wie alt die Schülerin ist, spielt eine Rolle: Ab 14 Jahren ist man in Deutschland religionsmündig, und auch im Islam gilt das Kopftuch nach den meisten Auslegungen erst ab der Pubertät.

Grundsätzlich würde ich aber raten, erst mal nichts zu sagen und später in Ruhe zu überlegen: Wie reagiere ich bei anderen Schülerinnen auf äußerliche Veränderungen, zum Beispiel auf bunt gefärbte Haare oder ein Gothic Outfit? Welche Bilder tauchen in meinem Kopf auf, welche Emotionen löst das bei mir aus? Wir dürfen nie vergessen: Es sind Jugendliche, die gerade in einer Phase der Identitätsfindung stecken – und da spielen Äußerlichkeiten und Ausprobieren eine große Rolle!

 

Die Lehrerin sollte also so tun, als wäre das Kopftuch nicht Besonderes?

Sie sollte die Schülerin auf keinen Fall vor der Klasse auf das Kopftuch ansprechen. Kaum ein Jugendlicher mag es, wenn Erwachsene das Äußere kommentieren! Falls die Lehrerin es aber wichtig findet, das Gespräch zu suchen, kann sie die Schülerin später alleine ansprechen.

Aber das hat nur Sinn, wenn die Lehrerin wirklich interessiert ist an den Gründen, aus denen die Schülerin ein Kopftuch trägt. Wenn die Lehrerin nur problematisiert, wird die Schülerin in die Defensive gedrängt wird und sie erlebt – womöglich zum wiederholten Mal – dass andere ihr mit Skepsis und Unterstellungen begegnen. Das hinterlässt Spuren, denn es ist das Gegenteil von Wertschätzung des Mädchens als Person.

 

Gleichzeitig sind Lehrkräfte angehalten, genau hinzuschauen und hinzuhören. Bei welchen Verhaltensweisen oder Äußerungen ist denn aus Ihrer Sicht eine Reaktion geboten – und wann sollten Lehrkräfte sich zurücknehmen?

Die Unsicherheit bei vielen Lehrkräften ist verständlich – deshalb sind Fortbildungen, Beratung und der kollegiale Austausch ja so wichtig! Der Standpunkt von ZEOK ist, dass Schulen die unterschiedlichen Zugehörigkeiten von Schülern anerkennen und wertschätzen sollten – und dazu gehört auch die religiöse Zugehörigkeit mit ihren sichtbaren Zeichen wie Kopfbedeckungen oder Speisevorschriften.

Gleichzeitig gibt es auch Grenzen für die Religionsfreiheit: Wenn sich ein Schüler demokratiefeindlich oder menschenverachtend äußert, dürfen und müssen Lehrer klarmachen, dass sie solche Positionen nicht dulden.

 

Um das mal zuzuspitzen: Wenn ein Schüler einen langen Bart und Gewand trägt, weil er mit einem Salafisten sympathisiert, lass ich ihn machen. Aber sobald er sich abwertend über seine Mitschülerinnen äußert, muss ich mich einmischen?

Ich würde sagen: Sie müssen das Gespräch suchen und Fragen stellen: Warum sagst du so etwas? Wie kommst du da drauf? Wie gesagt: Schüler werden oft in einem Alter auffällig, in dem ihr Leben im Umbruch ist, sie sich von ihren Eltern und anderen Erwachsenen abgrenzen wollen oder einfach Lust an der Provokation haben.

Solche Gespräche funktionieren natürlich besser, wenn Schüler sich im Schulalltag ohnehin immer wieder mit demokratischen Grundrechten und -freiheiten auseinandersetzen und nicht erst, wenn Konflikte auftauchen.

Dennoch: Es gibt auch Jugendliche, die ihre extremen Auffassungen vehement verteidigen oder sich auf die Position „Das ist halt meine Wahrheit!“ zurückziehen. Dann sollten LehrerInnen sich an die Schulleitung und ihr Team wenden und den Kontakt zu einer Beratungsstelle suchen.

 

Nun haben wir viel über auffällige Jugendliche gesprochen, schauen wir auf jetzt mal auf die Lehrkräfte. Wo begegnet Ihnen bei den ZEOK-Fortbildungen an Schulen denn Islam- und Muslimfeindlichkeit?
Die gibt es auf verschiedenen Ebenen. Das fängt bei Schulbüchern an, in denen das Thema Muslime oder Islam gerne mit einem Kamel unter Palmen illustriert wird – als wäre der Islam nur außerhalb Deutschlands zu finden.  Oder es steht ein Info-Kasten zum Thema „Integrationskonflikte“ neben dem Text zum Islam. Ist das wirklich die erste Assoziation, die Schüler haben sollten? Wir würden uns wünschen, dass Lehrkräfte solche kritischen Punkte mit den SchülerInnen reflektieren oder andere Lehrmaterialien einsetzen.

Manchmal diskriminieren auch die Strukturen an einer Schule die muslimischen Kinder und ihre Familien – zum Beispiel, wenn das einzige Schulfest im Jahr im Ramadan geplant wird oder auf dem Grill nur Würstchen aus Schweinfleisch liegen.

 

Die Satire-Sendung „Datteltäter“ im Internet-Kanal „Funk“ von ARD und ZDF bringt alle möglichen Vorurteile gegen Muslime in Deutschland auf den Tisch. Bei den Sprüchen des Lehrers im Video „Wenn Rassismus ehrlich wäre: Schule“ bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Haben Sie so etwas auch schon erlebt?

In der Häufung natürlich nicht, aber einzelne Aussprüche und Szenen schon. Ganz typisch ist zum Beispiel, dass als muslimisch wahrgenommene Schüler ein Expertentum zugeschrieben wird. Da steht der Islam auf dem Stundenplan und der Lehrer sagt: „Da kann uns Ayşe doch bestimmt etwas dazu sagen“, obwohl Ayşe vielleicht gar nicht gläubig ist. Oder Mohammed bekommt in Erdkunde das Referat über Syrien aufgedrückt, obwohl er sich lieber mit einem anderen Land auseinandergesetzt hätte.

Die Lehrkräfte meinen das womöglich gar nicht böse, aber so wird ein Anderssein oder Fremdsein unterstellt und nicht der oder die individuelle Schüler*in gesehen. Das passiert auch leicht durch die Sprache, wenn wir beispielsweise unterscheiden zwischen „wir“ und „die Muslime“. Hier müssen wir präzise sein und uns immer bewusst machen: Wen schließe ich im Wir ein – und wen schließe ich aus?

 

Nicht selten grenzen Schüler muslimischen Glaubens oder nicht-deutscher Herkunft sich aber selbst ab von „den Deutschen“. Oder, auch das berichten Lehrer, sie kontern Kritik an ihren Leistungen oder an ihrem Verhalten mit Sätzen wie „Sie sind ja nur gegen uns, weil wir anders sind!“ oder „Das ist rassistisch!“ Wie sollen Lehrkräfte damit umgehen?
Ich kann mir vorstellen, dass viele Lehrkräfte da genervt sind oder sich zu Unrecht angegriffen fühlen. Aber sie sollten solche Aussagen nicht herunterspielen oder abwehren, sondern sehr ernst nehmen. Denn dahinter stecken Erfahrungen von Diskriminierung und Rassismus, die die Schüler schon gemacht haben – ob in- oder außerhalb der Schule – und die sich vielleicht gerade wiederholen. Wichtig ist, in der Schule einen Raum für Rassismus-Erfahrungen zu schaffen und eine Anlaufstelle für Betroffene. Wenn ein offenes vertrauensvolles Gespräch über Rassismus-Erfahrung möglich ist, dann kann auch im Einzelfall benannt und verständlich gemacht werden, warum bspw. eine schlechte Note womöglich nichts mit der Herkunft, der Religion oder der Hautfarbe eines Schülers zu tun hat

 

Und hier gilt wie bei dem Beispiel Kopftuch: nicht vor der versammelten Klasse in die Diskussion einsteigen, sondern in Ruhe ein Gespräch unter vier Augen führen?

Am besten wäre, wenn es in der Schule Raum für das Thema Ausgrenzung und Diskriminierung gäbe. Wenn darüber also offen gesprochen wird und wenn die SchülerInnen wissen: Ich werde ernst genommen mit meiner Sicht auf die Dinge und meinen Gefühlen. Dann könnten sich beispielsweise Lehrer und Schüler zum Gespräch verabreden und noch den Vertrauenslehrer dazu holen.

 

Mein Gegenüber wahrzunehmen und wertzuschätzen, statt abzugrenzen und abzuwerten: Das ist also der Kern der Radikalisierungsprävention?

Ja, sich mit der eigenen Identität und Biografie auseinandersetzen und für diese Wertschätzung zu erfahren, begreifen wir als einen wesentlichen Mosaikstein von Radikalisierungsprävention. Aber diese Art, miteinander umzugehen, ist nicht nur Mittel zum Zweck! Kinder und Jugendliche haben einfach das Recht, bestimmte Ausgrenzungserfahrungen nicht machen zu müssen.

 

… wie sie es zum Beispiel nach den Attentaten von Hanau erlebt haben, wo es keine Schweigeminute an den Schulen gab, anders als ein paar Monate später für den Lehrer Samuel Paty?

Richtig. Ich glaube, hierzulande wurde nicht wirklich realisiert, wie sehr das Attentat von Hanau die Menschen mit Migrationsgeschichte erschüttert hat, welche Angst und Trauer bei ihnen ausgelöst wurden. Das gilt auch für SchülerInnen und auch für Menschen, die nicht in Hanau leben! Die Gedenkminute für Samuel Paty hat dann bei einigen muslimischen Schülern Irritation bis Wut ausgelöst, weil bei ihnen das Gefühl entstanden ist: Wir sind weniger wert, dieses Attentat wird wichtiger genommen!

 

Was wäre aus Ihrer Sicht der richtige Umgang der Schulen mit den Attentaten von Hanau und Paris gewesen?

Wir plädieren dafür, dass Schulen bei solchen einschneidenden politischen Ereignissen den SchülerInnen immer die Möglichkeit geben, Gedanken und Gefühle zu äußern und Fragen zu stellen. Eine Gedenkminute kann auch eine passende Reaktion sein. Aber: Sie sollte nicht für sich stehen. Lehrer und Schüler sollten besprechen, was der Anlass für die Gedenkminute ist, wie die Schüler darüber denken – und sie sollten die Freiheit haben, sich nicht anschließen zu müssen.

 

Und das übernimmt dann der Lehrer, der die Klasse zufällig in der ersten Stunde hat – oder müssen da die PoWi-Lehrer ran?

Es sollte jedenfalls nicht dem Zufall überlassen bleiben, sondern das Kollegium sollte ein Vorgehen abstimmen. Davon abgesehen: Die Frage „Wie geht es Euch?“ sollte jeder Lehrer stellen können.

 

Empathie ist das eine, ein Bewusstsein für die eigenen Vorurteile und Wissen über Kultur und Religion das andere. Was bietet ZEOK da für Lehrkräfte an?

Unsere Fortbildungen drehen sich um Willkommenskultur und Vielfalt, vorurteils-bewusste Religionsbildung und Muslimfeindlichkeit. Und obwohl wir in Leipzig sitzen, arbeiten wir auch überregional und bundesweit! Gleichzeitig empfehlen wir Schulen auch immer, sich vor Ort Partner zu suchen – Projekte politischer Bildungsarbeit, Beratungsstellen oder Gemeinde, mit denen man in den Austausch gehen kann. Auf unserer Homepage stehen zudem auch viele Materialien für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bereit.

 

Zu den ZEOK-Materialien gehört auch die Wanderausstellung „Muslimisch in Ostdeutschland“. Welche Besonderheit gibt es denn dort?

Menschen muslimischen Glaubens sind in den meisten ostdeutschen Städten und Regionen eine noch stärkere Minderheit als im Westen. Gleichzeitig gibt es in Ostdeutschland mehr Menschen, die Religion im Allgemeinen eher skeptisch gegenüberstehen. Es lohnt also, einen Blick darauf zu werfen, wie Religion allgemein betrachtet wird.

Unsere Ausstellung trägt allerdings den Titel „Muslimisch in Ostdeutschland“, weil sie für diese Region konzipiert ist und wir uns bemüht haben Bilder, Menschen und Orte von vor Ort einzubinden. Es ist doch schön, dann muslimische Menschen und Gemeinden beispielsweise aus Leipzig oder Erfurt zu sehen und nicht nur aus Frankfurt/Main und Berlin/Neukölln.

 

Zur Person: 

Jule Wagner ist am Zentrum für Europäische und Orientalische Kultur (ZEOK e.V.) Ansprechpartnerin für das „Kompetenznetzwerk Islam- und Muslimfeindlichkeit“, dem auch CLAIM (Allianz gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit) und die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland angehören.

Der Verein ZEOK hat das Ziel, den Dialog zu fördern und zum gegenseitigen Verständnis beizutragen – u.a. durch politische Bildungsarbeit, für die aus der Sicht von ZEOK den Schulen viel mehr Zeit eingeräumt werden muss.

Jule Wagners Arbeitsschwerpunkte liegen auf den Themen Islam und Schule, Antidiskriminierungspädagogik und transkultureller Bildung.

Online-Fortbildung: Klassenleitung ist mehr als unterrichten!

Termin: 15.09.2021, 15.30 Uhr – 18.30 Uhr, 
Anmeldeschluss: 10.09.2021

Seminarleitung: Thomas Klaffke
Er war Haupt- und Realschullehrer, mehr als 20 Jahre Schulleiter an einer Grund-, Haupt- und Realschule.  Jetzt ist er als Autor, Fortbildner und Schulberater tätig.

Klassenleitung ist eine pädagogische Aufgabe,die oft unterschätzt wird. Dabei sind Klassenleitungen neben denFachkonferenzen eine der beiden Säulen, von denen Schule getragen wird.Klassenleitung wird hier als Führungsaufgabe verstanden, die ganzunterschiedlich bewältigt werden kann: kaum noch von einzelnen Lehrkräften,sondern eher von Tandems, Klassen- oder Jahrgangsteams in Kooperation mit denLernenden. Grundlegend für Klassenleitung ist die Selbstvergewisserung, welchesMenschenbild ihrem Alltagshandeln zugrunde liegt. Dieses wird von ihrer Selbst-und Beziehungskompetenz mit dem Ziel geprägt, eine konstruktive Atmosphäre inder Klasse zu schaffen. Die Reflexion über die Rolle von Klassenleitung wird indiesem Seminar ergänzt durch praktische Hilfen für den Schulalltag. Dabei sindauch Methoden des Classroom Managements hilfreich.
Klassenführung ist von Klassenleitung zuunterscheiden. Klassen führen ist Aufgabe aller Lehrkräfte, auch wenn sie nurmit wenigen Stunden in einer Klasse eingesetzt sind. Aber auchKlassenlehrer/innen müssen Klassenführung beherrschen, denn diese istentscheidend für das Leistungsniveau und den Leistungsfortschritt und diePersönlichkeitsentwicklung von Schülern. Die Herausforderung besteht darin,eine konstruktive Atmosphäre für soziales und fachliches Lernen zu schaffen undimmer wieder ein Arbeitsbündnis mit den Schülern zu bilden. Dazu gehört es, klare Grenzen zu setzen und Störungen und Konflikte zu bewältigen.

Anmeldung: Direkt zum Formular