Erziehungspartnerschaft: Zusammenarbeit neu gestalten

Grußwort des Bundesvorsitzenden des VBE Tomi Neckov anlässlich des Landesverbandstages des BPV am 10.10.2026

„Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen.“ Sie kennen diesen Satz. Was Sie noch nicht wissen: Ich mag ihn nicht.

Überhaupt: „ein Kind großziehen“. Als Lehrer weiß ich: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Kinder werden begleitet, gestärkt und gefördert, nicht großgezogen.

Immer und immer wieder wird der Satz herangezogen, wenn es darum geht, dass nun mal Viele dabei mithelfen müssen, damit ein Kind in dieser Welt zu einem guten Menschen wird. Er kommt aber aus einer Zeit, in der diese Vielen eigentlich eines waren: Familie.

Aber: Dieses Dorf gibt es nicht mehr. Die Fabrik ist geschlossen, die Läden sind ausgezogen, die Großeltern arbeiten noch oder brauchen selbst Pflege, die Jüngeren sind in die Stadt gezogen. Wer als Familie so auf sich allein gestellt ist, verlässt sich auf staatliche Institutionen. Ja, muss sich doch verlassen können.

Diese Transformation hat sich still vollzogen. Mit jeder bezahlten Arbeitsstunde mehr in der Familie bleibt weniger Zeit für das Miteinander. Und auch wenn erste Studien zeigen, dass die verbleibende Zeit intensiver als früher für sogenannte „Quality time“, also qualitätsvoll miteinander verbrachte Zeit, genutzt wird, merken wir in Schule, dass eben doch etwas fehlt. Das ist erst einmal nur eine Bestandsaufnahme. Ein Blick auf die Realität, der nicht wertet. Nicht zuletzt ein verständnisvoller Blick darauf, dass es mittlerweile fast überall finanzielle Notwendigkeit ist, dass beide Elternteile arbeiten. Aber auch ein aufgeklärter Blick darauf, dass es jedem Menschen offenzustehen hat, sich auch in professioneller Hinsicht selbstzuverwirklichen.

Die Konsequenz daraus ist jedoch spürbar: Schule soll neben der Wissensvermittlung und dem Sichern von Kompetenzen auch Partizipation gewährleisten – und damit am besten gleich die Demokratie retten. Wir sollen Zusammenhalt stiften, die Wirtschaft mit Fachkräften versorgen und nebenbei mit jedem einzelnen Elternhaus eine Partnerschaft führen.

Es entsteht eine Anspruchshaltung an Schule, die uns zwar ehrt – denn wem sonst wird zugetraut, alle gesellschaftlichen Missstände zu reparieren?! – aber am Ende nicht einzulösen ist. Das System ist seit Jahren auf Kante genäht und jetzt, wo Kapazitäten da wären, um endlich in den qualitativen Ausbau zu gehen, wird ein Einstellungsstopp verhangen. Das ist ein Schuss ins Knie für die Bildungsqualität.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

was gute Zusammenarbeit mit Eltern braucht, wissen wir längst: Begegnung, Verlässlichkeit, Vertrauen, Gespräche auf Augenhöhe. Um das zu schaffen, braucht es verschiedene Angebote in unterschiedlichen Sprachen – auch in einfacher Sprache ohne Behördendeutsch.

Doch das gibt es nicht zum Nulltarif. Wir müssen darauf vorbereitet sein: in der Ausbildung, durch entsprechend Fort- und Weiterbildung, durch externe Supervision, die gerade bei schwierigen Situationen hilfreiche Unterstützung bieten können. Wir brauchen den Austausch auch im Kollegium, vor allem, wenn wir das Glück haben, multiprofessionell zusammenzuarbeiten. Dann gilt es nämlich, die unterschiedlichen Blickrichtungen aufs Kind auch den Eltern transparent zu machen.

Und was kostet das – außer durchaus auch mal Nerven?

ZEIT! Unser höchstes Gut, von dem wir gefühlt immer zu wenig haben.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

das bringe ich gerne auf die Formel, die wir in unserem Strategieprozess auf Bundesverbandsebene erarbeitet haben:

Es gibt kein Erkenntnisproblem. Es gibt ein Strukturproblem.

Damit wir Erziehungspartnerschaft leben können, müssen wir raus aus der permanenten Mangelsituation. Wir brauchen ausreichende Ressourcen, angemessene Arbeitsbedingungen, multiprofessionelle Teams und Entlastung von Verwaltungsarbeit. Das alles schafft, was wir am allermeisten brauchen: Zeit.

Damit das Verständnis dafür reift, müssen Lehrkräfte wie Sie und ich viel früher in politische Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Aus der Praxis für die Praxis: Das ist das Versprechen des VBE (und des BPV). Viel zu oft werden Entscheidungen von außen an die Schulen herangetragen, ohne die Expertise der Praxis einzubinden. Aber: Lehrkräfte dürfen nicht Objekt des Wandels sein. Sie wollen nicht transformiert werden. Wir haben einen Gestaltungsauftrag und den wollen wir nutzen!

In einer normalen Partnerschaft entscheidet man sich füreinander. In der Schule nicht. Für kein Elternteil haben wir uns entschieden, mit keinem konnten wir vorab bei einem Kaffee klären, ob wir ähnliche Werte teilen. Und trotzdem muss ad hoc ein Zusammenspiel entstehen. Meistens gelingt das, auch dank unserer pädagogischen Professionalität. Und doch stellt es natürlich Anforderungen an uns, Eltern als Beteiligte des Schullebens einzubinden – anstatt nur Informationen weiterzugeben.

Aber wen das Dorf sich ändert – ja, wenn die Schule mit allen vertretenen Professionen das Dorf wird –, dann sind wir hier in der Verantwortung!

„Früher mussten wir das auch nicht machen“, höre ich dann. Früher hatten die Kinder Respekt vorm Lehrer, und wenn nicht, gab es eine Strafe.        Aber: War das eine bessere Welt? Ein Kind, das Angst hat, zu Hause von der Schule zu erzählen, wollen weder die Jugendlichen von heute noch wir. Nein, früher war nicht alles besser. Ein Satz, der im Übrigen auch in jede Politikstunde dieser Tage gehört.

Dabei gilt immer: Respekt ist keine Einbahnstraße. Wenn Eltern eine Entscheidung mit ernstem Interesse hinterfragen, ist das gut. Mit dem Anwalt zu drohen, weil die Note nicht passt, oder Lehrkräfte zu beleidigen, geht nicht. Hier stehen wir als Gewerkschaft an der Seite unserer Mitglieder, notfalls mit juristischer Vertretung. Das Bedürfnis der Lehrkraft nach Sicherheit ist keine Randnotiz.

Was heißt das nun konkret für uns als Verband? Wie können wir das leisten: Erziehungspartnerschaft in Zeiten von Transformation?

Wir bringen Wissen ein. Erfahrungen aus Schulen, Elterngesprächen und Kollegien tragen wir gebündelt in die Politik, bevor Entscheidungen fallen und nicht erst danach.

Wir schaffen Räume. Wie der BPV heute hier: Räume, in denen Lehrkräfte, Eltern und Schülervertretungen miteinander sprechen statt übereinander. Ich möchte, dass wir dieses Dreieck ernst nehmen und stets unsere Bedürfnisse miteinander abgleichen, gerne auch ergänzt um die Perspektiven derer, die wir (meines Erachtens zu Recht) kritisieren: Politik; vor allem, wenn Entscheidungen über unsere Köpfe hinweg getroffen werden.

Wir geben Orientierung. Mit Handreichungen, Fortbildung und Rechtsschutz für Kolleginnen und Kollegen, die in Konflikte geraten.

Wir setzen Themen. Wir sehen, was groß wird und halten Angebote vor: Lehrkräftegesundheit wird das Thema unseres nächsten Jahres und ich freue mich schon darauf, viele von Ihnen bei unserem Kongress zu treffen.

Denn wir sind der Überzeugung: Bildung braucht Bedingungen!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

diese Bedingungen hat in den letzten Jahren für den Brandenburgischen Pädagogen-Verband stets Hartmut Stäker eingefordert. Mit dem Blick aus der Praxis hat er nicht nur diesen Landesverband, sondern auch das Arbeiten

* im Bundesvorstand,

* in diversen länderübergreifenden Workshops und

* bei Treffen weiterer Gremien bereichert.

Lieber Hartmut,

du hast diesem Verband sehr lange vorgestanden, ihn mit geformt und stets den nötigen Halt gegeben. Ich möchte Dir für diese Leistung und dein hervorragendes Engagement danken und wünsche dir für deinen weiteren Weg alles Gute!

Dem neu zu wählenden Vorstand wünsche ich heute schon ein glückliches Händchen in allen Belangen und freue mich auf die weitere Zusammenarbeit. Der Bundesverband steht immer an eurer Seite. Wir sind eurer Dorf – ganz ohne ziehen und zerren, aber mit Unterstützung und dem Willen, Veränderung zu gestalten!

Herzlichen Dank.

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